Leseprobe von Anja Zabel

Nicht ohne Jeska

von Anja Zabel

Vom Fenster seiner Dachgeschosswohnung aus hatte Mateo innerhalb einer einzigen Woche diverse Dinge beobachtet, von denen er kein einziges so schnell vergessen würde. Darunter waren eine Wasserpistolenschlacht, vier Spontankonzerte, Krähen, denen Tricks beigebracht wurden, ein Rollstuhlwettrennen und zwei jämmerlich schluchzende Menschen unterschiedlichen Alters. Nebenbei bemerkt war er sich beinahe sicher, dass die Wasserpistolen mit einer anderen Flüssigkeit gefüllt gewesen waren, als man es erwarten würde. All diese merkwürdigen Begebenheiten hatten einen einzigen, sehr auffälligen gemeinsamen Nenner. Dieser Nenner hatte blaue Haare.

Er schämte sich jedes Mal ein wenig, wenn er das Geschehen seiner Nachbarschaft vom Fenster aus beobachtete, als wäre er einer dieser alten Männer zwischen gelben Gardinen, von denen man sich nur deshalb widerwillig anstarren ließ, weil sie einem leidtaten. Die Gardinen seines Vormieters hatte er abgebaut. Mateo stellte sicher, dass er nur ein paar Sekunden lang mit einem entspannten Gesichtsausdruck hinausschaute, bevor er sich bedeutenderen Aufgaben widmete, von denen es immerhin reichlich gab. Wenn eine dieser Aufgaben erledigt war, erlaubte er sich erneut hinauszusehen. Umzugskarton öffnen und Inhalt ausräumen – zur Straße sehen – Inhalt sortieren – zur Straße sehen – den Inhalt häufchenweise in die nach Möbelgeschäft stinkenden Schränke einräumen – zur Straße sehen – über seine Filmsammlung stolpern – zum Trost über den schmerzenden Zeh zur Straße sehen.

Oft winkten ihm Nachbarn zu, die selbst nicht genug von dem Treiben dort unten bekamen. Sie hingen weit aus ihren geöffneten Fenstern, riefen sich Kommentare zu und applaudierten manchmal. Ab und zu erwischte sich Mateo dabei, wie sich seine Hand zum Fenstergriff bewegte. Dann holte er sich in die Realität zurück, indem er sich zehn Sekunden lang das Gesicht seines Vaters vorstellte. Es gab Wichtigeres zu tun.

Keinen Tag später fand er sich genau an dem Ort wieder, von dem er sich geschworen hatte fernzubleiben.                                              

„Darf ich dich überreden, mir kurz bei diesem Quiz zu helfen?“

Die Blauhaarige grinste so breit, als wäre sie ernsthaft glücklich darüber, ihn zu sehen. Und mit „Grinsen“ war ein Gesichtsausdruck gemeint, der durch ihren riesigen Mund mit den passend großen Zähnen geradezu weltenverschlingend wirkte. Als bestünde die Gefahr, dass die Oberhälfte ihres Kopfes nach hinten wegkippen würde, wenn sie zu heftig lachte. Mateo sah auf seine Uhr, als wüsste er nicht, dass er in exakt einer halben Stunde an der Haltestelle am Ende der Straße sein musste.

„Mein Bus kommt gleich“, sagte er. „Aber eine Frage kann ich bestimmt beantworten.“

„Beantworten ist zu einfach. Wonach ich suche, sind gute Fragen. Was glaubst du: Welche müsste man stellen, um jemanden innerhalb kürzester Zeit kennenlernen?“

Weil ihm auf die Schnelle dazu nichts einfiel, blickte er sich um und entdeckte eine kleine Gruppe von Nachbarn, die sich angeregt unterhielten und dabei nicht besonders unauffällig in ihre Richtung zeigten.

„Wozu sollte man das wollen?“, fragte Mateo sie schließlich nur.

„Das ist sehr tiefsinnig, vielen Dank.“ Sie zog mit einem Plopp die Kappe von ihrem Stift und begann zu schreiben, ohne auch nur einen Millimeter ihres Lächelns nachzulassen. Er überlegte, ob sie sich über ihn lustig machte. Als ihm plötzlich diverse Arten einfielen, wie seine Frage tatsächlich zu einem tieferen Gespräch führen könnten, zog er es vor, es dabei zu belassen. Sie steckte die Kappe zurück auf den Stift und nickte ihm zu.

„Ich lasse dich übrigens in Ruhe, wenn du das möchtest. Aber bisher machst du auf mich den Eindruck, als könnten wir uns unter den richtigen Umständen gut unterhalten.“

Wie sie so saß in ihrem Caféstuhl, in der einen Hand den Stift, in der anderen wilde Gesten, die jedes ihrer Worte doppelt unterstrichen, fühlte sich Mateo an energiegeladene Fernsehmoderatoren erinnert. Die Sorte, die freitagabends zur besten Sendezeit im Familien-TV zu sehen war.

„Die Sache ist die“, sagte er und holte tief Luft, „dass ich eigentlich nur verstehen möchte, warum du jeden Tag hier unten sitzt und die Leute unterhältst.“

Und warum seine Mitbewohner auf dieselbe Frage hin nur mit den Schultern gezuckt und ihre Instrumente eingepackt hatten, um mit der Blauen zusammen Krach machen zu gehen. Als wäre es einfach unerklärlich wichtig, mit ihr Zeit zu verbringen. Aber das wollte er ihr nicht auf die Nase binden. Sie stand auf, wobei sie das Gesicht verzog. Wahrscheinlich war ihr Hintern vom vielen Sitzen schon eingeschlafen.

„Dass alle Wohnhäuser in dieser wundervollen geschwungenen Straße aus der Zeit der Neorenaissance stammen, ist dir bei der Besichtigung deiner Wohnung sicherlich aufgefallen.“

„Ja…“

„Und auch, dass fast der gesamte Werder Fußgängerzone ist.“

„Sehr schön, ja.“

„Und dass man von deinem Fenster aus nicht nur alle Dächer der Straße, sondern auch noch den Fluss sehen kann.“

Mateo wartete. Sie begann wieder zu grinsen.

„Der Fall ist ganz klar“, verkündete sie. „Du solltest deinen Vertrag sofort kündigen und wieder ausziehen.“

Bevor er nach Luft schnappen konnte, um etwas Angemessenes zu erwidern – wie auch immer eine solche Erwiderung aussehen sollte – legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Als er den Kopf drehte, fand er sich Nase an Nase mit einem riesigen Gesicht. Matteo zuckte zusammen und hoffte, dass das Quietschen von einem der Stühle gekommen war und nicht von ihm selbst. Erst auf den zweiten Blick sah er, dass das Gesicht nur wegen des schlabberigen Kinns so groß wirkte. Der Mann vor ihm musste einmal sehr übergewichtig gewesen sein.

„Mein junger Freund“, begann der Mann.

„Stopp, Onkel Emma! Wir schlagen keine Neuankömmlinge!“, kicherte es plötzlich im Hintergrund. Die Gruppe von schwatzenden Nachbarn kam nun über das Kopfsteinpflaster gestolpert und gesellte sich zu ihnen. Es handelte sich um einen schlacksigen Mann mit Lehrer-Lämpel-Brille, eine füllige Dame mit einer so glänzenden Haut, dass die Reflektion der Sonne Mateo ein wenig blendete, einen Herrn vom Typ „Banker“ und zwei gerade-noch-Teenager, die offensichtlich Geschwister waren.

„Nicht doch“, lachte der Mann, den sie Onkel Emma nannten, „ich schlage nur Leute, die unsere Jeska respektlos behandeln.“

Die füllige Dame japste. „Respektlos?“

Mateo schüttelte schnell den Kopf.

„Ich hoffe doch nicht, dass meine Frage respektlos rüberkam. Mich interessiert nur sehr, was in dieser Straße vor sich geht und… nun… ob ich davon ausgehen kann, dass hier alles in Ordnung ist.“

„Was sollte nicht in Ordnung sein?“, bellte Onkel Emma. „Jeska ist ein Goldschatz!“

Die Dame meldete sich zu Wort: „Richtig. Auch, wenn sie Fremde oft durch ihre furchtbaren Punkklamotten abschreckt, von den Haaren ganz zu schweigen – das kann ich schon verstehen.“

„Und es ist etwas verstörend, welche absurden Geschichten und Behauptungen sie von sich gibt. Wir wissen alle, wovon ich rede“, fügte die Dame hinzu.

„Also ich glaube ihr, wenn sie sagt, dass Blau ihre Naturhaarfarbe ist“, warf die Teenagerin ein und Mateo fragte sich, ob ihre augenbrauentanzende Mimik Sarkasmus oder Ernsthaftigkeit herüberbringen sollte.

„Dass sie behauptet, regelmäßig eine Parallelwelt voller Menschen mit Tierköpfen zu besuchen, ist auch nicht gerade normal“, wandte ihr Bruder ein. Der große Mann mit der kleinen Brille hatte offenbar auch noch etwas beizusteuern, denn er räusperte sich. Alle Blicke richteten sich auf ihn.

„Ich werde besser nicht noch einmal auf das leidige Thema eingehen, was ich von ihrem Einfluss auf meine Kinder halte.“
Die Teenager sahen ihn beide auf eine Weise an, die ihren Verwandtschaftsgrad mit dem Mann deutlich machte. Die seltsame Blauhaarige namens Jeska lachte schallend. Ihr Kopf fiel dabei nicht nach hinten ab.

„Ich denke, ich verstehe, warum du hier gern gesehen bist“, sagte Mateo zu ihr. Onkel Emma grübelte kurz, dann stupste er den Brillenmann an:

„Hat er das jetzt ernst gemeint oder nicht?“

Jeska winkte ab. „Ich werde schon dafür sorgen, dass das bald sehr eindeutig ist. Überlasst ihn mir. Und übrigens“, fügte sie an Mateo gewandt hinzu, „können wir gerne später weiter quatschen, wenn wir nicht dabei unterbrochen werden. Nicht, dass du zu spät kommst.“

Mateo bedankte sich, schlängelte sich aus dem kleinen Menschengedränge heraus und machte sich auf den Weg. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um und sagte: „Ich weiß, dass du weißt, dass das nur eine Ausrede war.“

Sie streckte beide Daumen nach oben und rief: „Wir kennen den Busfahrplan hier alle auswendig.“

Bevor er nach Deutschland gezogen war, hatte er eine Abschiedsrede von seinem Vater bekommen.

„Eins kann ich dir jetzt schon sagen“, hatte er geflüstert.

„Du wirst dich da drüben verdammt wohl fühlen und denken, dass du deiner Familie mit deren scheiß Regeln und Ratschlägen endlich entkommen bist. Aber du wirst merken, dass wir immer unsere guten Gründe hatten. Die da drüben akzeptieren Außenseiter wie dich vielleicht, darum wirst du glauben, dass du deine Rolle in der Gesellschaft gefunden hast. Hör mir gut zu: Du wirst nach einer Weile – vielleicht auch erst nach Jahren – begreifen, dass du eigentlich kein Teil dieser Art von Leuten sein willst, aber dann ist es zu spät. Verstehst du das? Nein, natürlich nicht. Aber das wirst du, und dann wirst du an mich denken.“

Danach hatten sie eine Umarmung vollzogen, die sich eher wie ein bewegungsloser Ringkampf angefühlt hatte. Mateo stellte fest, dass er sich an das Gesicht seines Vaters beim Abschied nicht erinnern konnte. Das lag daran, dass er geradeaus gestarrt hatte, durch die Flughafenfenster hindurch zu dem großartigen Sonnenaufgang hinter den Airbussen. Damals hatte er sich fest darauf konzentriert, nur diesen Anblick aufzunehmen und seinen Vater auszublenden, aber wie die Erinnerung bewies, war ihm das nicht gelungen.

Auch in diesem Moment, als er den Haltewunschknopf drückte, sich an den anderen Fahrgästen vorbeidrängte und plötzlich ganz allein vor dem Schild mit der Aufschrift Friedensring am Werder stand, war der Himmel bunt. Die Formen der Ornamente an den alten Häusern waren gestochen scharf, die Schatten ein ebenso spannendes Gegenstück zu ihnen. Mateo ließ seinen Feierabend eine Weile einwirken, während er die Wandfarben, Balustraden und Pflanzen genoss. Letztere gab es als geschmackvolle Balkondekorationen, die seine Großmutter mit „¡Maravilloso!“ oder „¡Asombroso!“ kommentiert hätte, aber auch als steinerne Blüten über den Hauseingängen. Jede davon war eine kleine Rebellion gegen die Langeweile, die moderne Massenarchitektur oft ausstrahlte.

Maravilloso“, murmelte Mateo. Jeska hatte richtig vermutet, dass er kein Banause war. Apropos Jeska… was die verrückte Nachbarschaft wohl gerade trieb? Die Straße verlief gebogen, beinahe wie ein großer Halbkreis, sodass er das Eiscafé noch nicht sehen konnte, aber er hatte das Gefühl, dass er jeden Moment Zeuge einer weiteren Youtube-reifen Szene werden würde. Noch war es still bis auf die trillernden Amseln, die sich mit ihren eigenen Echos unterhielten.

Mateo stolperte. Dieses Mal war das Kopfsteinpflaster daran schuld. Das versuchte er sich zumindest einzureden, denn die Häufigkeit des Stolperns allein schob die Schuld doch eher in Richtung seiner eigenen Person. Eine der Amseln lachte von ihrem Platz auf der Straßenlaterne aus über ihn. Er streckte ihr die Zunge heraus. Sofort danach schaute er sich um, ob ihn jemand beobachtet hatte, aber die Straße war noch immer menschenleer. Nur ganz vorn in der Kurve stützte sich eine einzelne Person an der Wand ab.

Ihre Haare waren blau.

Etwas an ihrer Haltung sorgte dafür, dass er eine Gänsehaut bekam. Was es war, konnte er erst zuordnen, als er näherkam: Ihr Kopf war unbequem nach unten geneigt und ihre Hände waren offen, aber verkrampft. Die Knie waren leicht eingeknickt. Die Position sah unbehaglich aus, aber dennoch bewegte Jeska sich in der Zeit, die er brauchte, um zu ihr zu gelangen, keinen Millimeter. Er hielt an, peinlich berührt, und hoffte, dass sie ihn bemerkt hatte und etwas sagen würde. Aber alles, was zu hören war, war ihr gepresster Atem. Er sagte ihren Namen, aber noch immer reagierte sie nicht. Wo waren nur die Nachbarn, die sonst scheinbar zu jeder verdammten Tageszeit aktiver waren als ein Schwarm Spatzen?

Er blickte sich hektisch um. Das Café war bereits geschlossen, die Stühle durch eine lange Edelstahlkette vor Diebstahl gesichert. Er griff sich denjenigen, der am nächsten stand, und zerrte daran, bis er knapp neben Jeska stand. Alle anderen Stühle und Tische waren ihm unter großem Getöse gefolgt und eine Sitzecke war sogar umgekippt, aber da sowieso niemand dort war, um sich zu beschweren, beachtete er sein Chaos nicht weiter.

„Setz dich“, sagte er. Das Einzige, was passierte, war, dass ihr Kopf noch weiter nach unten sank. Sie ächzte leise und Mateo meinte zu erkennen, dass sie zu zittern begann.

„Bitte sag was. Brauchst du einen Arzt? Was ist passiert?“

In diesem Moment war er über seine Fähigkeit froh, seine Stimme unter Kontrolle zu behalten. Panik würde ihr sicherlich nicht weiterhelfen. Er legte eine Hand auf ihren Rücken und wollte sie gerade noch einmal auf den Stuhl hinweisen, als sie unter seiner Berührung wimmernd zusammenbrach.

„Nicht! Nicht, nicht, nicht“, weinte sie. „Es tut weh.“

Nun hockte sie auf dem Boden und schien durch den harten Stein noch weiter zusammenzukrampfen. Plötzlich war es mit ihrer Beherrschung endgültig vorbei und sie schluchzte laut auf, zitterte, dass die Zähne klapperten und presste sich schnell die Hände vor den Mund.

Mateo merkte, dass er Letzteres ebenfalls getan hatte und nahm die Arme wieder herunter. Er öffnete seine Tasche und zog seinen dunkelgrauen Notfallpulli heraus, den er vorsichtig auf Jeska legte. Das war ein hässliches Teil. Die Achseln waren schon ganz hart von der jahrelangen Einwirkung durch Deo und Schweiß, aber er hatte ihn dennoch für diese Aufgabe ausgewählt, weil ihm all seine anderen Pullis zu schade waren, um sie in seiner Tasche mitzuschleppen. Hässliche Situation, hässlicher Pulli, dachte er und fragte sich, was mit ihm nicht stimmte, dass er gerade jetzt keinen wichtigeren Gedanken nachging.

Er hob vorsichtig Jeskas Kopf an und schob seine Tasche darunter, während sie immer lauter weinte, bis ihr Atem in gequälte kleine Schreie überging.

Por dios“, entfuhr es Mateo. Noch immer war kein Gesicht an den Fenstern zu sehen.

„Mach dir keine Gedanken“, verkündete er. „Wir kriegen das hin.“

Er wühlte nach seinem Handy, das natürlich genau in diesem Moment nicht auffindbar war. Zwei Hosentaschen später fiel ihm ein, dass es in Jeskas Übergangskopfkissen stecken musste. Unter leisen Entschuldigungen hob er ihren Kopf noch einmal an, griff in seine Tasche und zog das elende Teil hervor. Er begann gerade zu tippen, als Jeska den Kopf schüttelte.

„Kein Arzt“, presste sie zwischen zwei Schluchzern hervor.

„Was dann? Womit kann ich dir helfen?“, fragte er, äußerlich noch immer so zwanghaft ruhig, dass er schon fast gelangweilt klang.

„Gummiband, bitte“, wimmerte sie. Er wollte erst nachhaken, ob sie nicht einen besseren Vorschlag hatte, aber immerhin war es überhaupt einer, also stand er auf, rannte über die Straße hinüber zu Hausnummer 231, schloss auf, flitzte die steile Altbautreppe hinauf, schloss die Wohnzimmertür auf, riss den Umzugskarton mit der Beschriftung „Küche“ auf, griff nach einem Gummiband und zog den ganzen Rest von dem Knäuel hinterher, sodass sie sich in der halben Küche verteilten und rannte wieder hinaus. Er ging so schnell vor Jeska in die Hocke, dass er sich ein Knie aufschürfte, und überreichte ihr schwer atmend den Gummi.

Sie nahm ihn mit nassen Fingern entgegen und legte ihn sich um das Handgelenk. Dann zog sie ihn lang und ließ ihn sofort wieder los, sodass er mit einem lauten Klatschen auf ihre empfindliche Haut schnippte. Mateo zuckte zusammen. Sie zog noch einmal daran.

„Halt! Was machst du denn?!“, rief er. Sie sah ihn an, unendlich traurig, aber mit einem kleinen Lächeln.

„Tut mir leid, aber es hilft“, sagte sie.

Jetzt war es Mateo, der seine Fassung verlor. Während sich hinter ihnen Türen öffneten und Schritte näherkamen, liefen nun auch bei ihm einige Tränen. Er war sehr, sehr froh, als der freundliche Mann mit der Lehrer-Lämpel-Brille sich neben sie beide hockte und Jeskas Hände nahm. Auch von weiter hinten in der Straße aus liefen Menschen auf sie zu. Es waren die glänzende Frau und ein Mann, den Mateo nicht kannte, aber auch der Herr mit dem großen Gesicht und die Teenager tröpfelten nach und nach auf die Straße.

„Danke für die Nachricht, Otti“, hörte Mateo jemanden sagen. Andere stimmten zu. Aber das waren noch nicht alle: Aus der Haustür, die er offengelassen hatte, kamen seine beiden Mitbewohner heraus, deren Namen er sich noch nicht hatte merken können. Nicole und Nathan? Nein, nicht ganz. Sie alle versuchten Jeska Fragen zu stellen, unterhielten sich leise und überlegten zusammen, ob sie einen Arzt rufen sollten. Auch Mateo bekam zu seiner endlosen Verwunderung ein Taschentuch in die Hand gedrückt, als wäre er ebenfalls ein Hilfebedürftiger in dieser Situation. Nach kurzer Überlegung musste er sich eingestehen, dass er das wohl auch ein wenig war.

Jeska setzte sich unter Stöhnen auf. Sie blickte wortlos in die neun Gesichter, aber ihre Augen zeigten so viel Dankbarkeit, dass sie nichts zu sagen brauchte, damit jeder einzelne von ihnen sie verstand.

„Hey, Jeska“, sagte der Teenagerjunge, „erzähl uns, was heute drüben bei den Tieren passiert ist.“

Und mit einmal, auch wenn ihr Gesicht noch immer verquollen und rot war und die Tränen nach wie vor nicht stoppen wollten, strahlte sie wieder.

„Sehr gerne“, sagte sie.

Der großgesichtige Mann klatschte in die Hände. „Los, Leute, hoch mit euch. Während unser Schätzchen uns die Geschichte erzählt, mache ich uns allen ein Bier fertig.“

Das liebevoll als „Onkel-Emma-Laden“ bezeichnete Gemischtwarengeschäft war nicht nur die urige Alternative zum einzigen Supermarkt auf dem Werder, sondern enthielt gleichzeitig einen Sitzbereich sowie eine Bar, die keine Wünsche offenließ, solange diese bescheiden blieben. Ein langer Tisch stand im Mittelpunkt eines Schwarms von betagten Polsterstühlen. Die dunkelgrünen Wände waren mit Treibholzregalen gespickt, auf denen die wunderlichsten Dinge standen. Von Miniaturfahrrädern über Gemälde, antike Bücher und lustige Statuen gab es so viele Details, dass sich Mateo gar nicht sattsehen konnte. Er betrachtete gerade einen kleinen dicken Mann aus Ton, der splitterfasernackt ein Rad schlug, als Onkel Emma ihm einen Humpen Pils überreichte. Sie machten es sich bequem, wickelten Jeska in eine flauschige Decke ein und stellten sich vor: Lehrer Lämpel hieß eigentlich Thomas Otten und kümmerte sich in der Bäckerei ein Stück weit die Straße runter um die frischen Brötchen. Die Teenager waren tatsächlich seine Kinder, genauer gesagt Klein Otti und Mascha. Beide waren bereits gut mit Onkel Emma bekannt, der sie als Kassierer und Mädchen für alles in seinem Laden angestellt hatte – Klein Otti sprach es nicht laut aus, aber er schien über den Fakt ein wenig unglücklich zu sein.

Die glänzende Frau hieß Maris, war eine waschechte Kräuterhexe und versorgte ihre Lieblingsnachbarn mit selbst hergestellten Cremes und Kräutersäften. Ihr direkter Nachbar, der sich nur als „Herr Salbke“ vorstellte, bekam von Maris noch ein Bonusprogramm, indem sie ihm regelmäßig Übungen für seinen ständig verspannten Rücken zeigte. Der Grund für die Verspannung: er arbeitete als hochgestresstes Betriebsratsmitglied bei einem Hersteller von Babynahrung, der ironischerweise die Gewohnheit hatte, seine Mitarbeiterinnen während der Schwangerschaften zu feuern. Bei der Erwähnung der Rückenübungen warfen sich die Teenies vielsagende Blicke zu.

Auch Mateos neuen Mitbewohner erwähnten zu seinem Glück noch einmal ihre Namen: Nadia und Nicky. Letzterer wollte partout nicht zugeben, wie er wirklich hieß, und bestand darauf, dass „Nicky“ ein ganz hervorragender Name für einen zweiundzwanzigjährigen Medizintechnikstudenten war. Nadia gab zu bedenken, dass der Name eher deshalb gut passte, weil er nach einem Dauerbekifften klang. Nicky stritt seinen Drogenkonsum ab, aber der Rest des Tisches knüppelte ihn mit Bemerkungen über seinen eindeutigen Körpergeruch nieder.

Dann wurde Mateo nach seinem Leben befragt und er berichtete von seiner Kindheit drüben in Segovia, von der kurzen Zeit nach seinem Umzug nach Deutschland, als er bei Blockbuster gearbeitet hatte (genau in dem Jahr, als sie insolvent gegangen waren), von seiner Ausbildung und der anschließenden Arbeit als Softwareentwickler beim Fernsehen.

„Aber jetzt haben wir genug über uns geredet“, schloss er.

„Jeska…“

„Fibromyalgie“, sagte sie. „So heißt meine Krankheit.“

Sie alle lehnten sich nach vorn und blickten sie ernst an. Jeska stand auf und tippte auf einige Stellen unter ihrem Hals, hinten im Nacken, in den Ellenbeugen, an den Hüften, auf den Knien, über ihrem Hintern.

„Hier… und diese… dort befinden sich überall Punkte, die niemand berühren darf, weil der Schmerz sonst zu groß wird. Schmerzen habe ich immer, wie einen ewigen, schlimmen Muskelkater. Aber diese Stellen hier sind allesamt meine Achillesfersen. Also wenn ihr euch wundert, warum ich ab und zu einfach keine Lust mehr habe, dann liegt es wahrscheinlich daran.“

Die Nachbarn verdauten ihre Kundgebung schweigend. Dann meldete sich Maris zu Wort.

„Hattest du deshalb vorhin einen, nun, Ausfall, weil die Schmerzen zu schlimm geworden sind?“

Jeska seufzte. „Sie sind nicht schlimmer geworden. Sie bleiben meistens gleich stark. Aber verschwinden tun sie auch nicht, und irgendwann hätte ich einfach gern eine Pause. Aber die gibt es nicht. Niemals.“

„Kann man das denn nicht heilen?“, rief Onkel Emma.

Sie schüttelte den Kopf.

„Und was ist mit Schmerzmitteln?“, warf Nadia ein.

„Ketamine sind das Einzige, was kurzfristig hilft. Aber diese Halluzinationen tu ich mir nicht mehr freiwillig an.“

„Wie, das Betäubungsmittel für Pferde?“, fragte Salbke. „Das klingt wirklich nicht besonders gesund.“

Sie zuckte traurig mit den Schultern. Die ganze Runde sah betreten auf ihre Biergläser hinab. Als Jeska auf den Tisch haute, zuckten alle zusammen.

„Da ihr jetzt Bescheid wisst, könnt ihr euch sicher vorstellen, warum Langeweile und schlechte Laune keine Optionen für mich sind, richtig?“

„Nun, das erklärt einiges“, murmelte Otti. Onkel Emma hob sein Glas.

„Also dann“, polterte er, „stoßen wir darauf an, dass unser kleiner Klassenclown eine Pause bekommt.“

„Prost!“, schrien sie im Chor und ertränkten zusammen den Schreck der letzten Stunde. Und anschließend begann Jeska zu erzählen. Sie erzählte von einem riesigen Mann mit Käferkopf, der nicht aufhören konnte, Tunnel zu graben und dadurch immer wieder die Hütten der anderen Leute im Dorf zum Einsturz brachte. Sie erzählte vom blinden Maulwurfmädchen und ihrer Freundin, dem Hamster. Es gab auch einen Wachhund und ein fürsorgliches Walross. Außerdem war dort ein schüchternes Reh, das seine Ängste überwand, um das Dorf zu beschützen. Von all diesen und noch mehr Menschen mit Tiergesichtern berichtete sie mit voller Überzeugungskraft, als sei sie tatsächlich dabei gewesen. Sie erzählte und erzählte noch immer, als es draußen langsam dunkel wurde. Als sie schließlich fertig war, hörten die Nachbarn noch immer nicht auf, an ihren Lippen zu hängen. Aber sie hatte nur noch eines zu sagen:

„Ich werde jetzt schlafen gehen. Ich danke euch für alles, ihr Lieben.“

Dann ging sie und ließ den Rest der Gruppe nachdenklich zurück. Irgendwann sprach Klein Otti: „Ich habe da eine Idee. Wir sollten aufschreiben, was sie uns erzählt, und die Geschichten wie Theaterstücke aufführen. Das wäre doch witzig, oder?“

Witzig fanden sie es nicht, aber auf Begeisterung stieß sein Vorschlag trotzdem. Während sie zu überlegen begannen, wie man einen solchen Plan umsetzen könnte, fiel Mateo ein, dass Jeska ihm noch immer nicht erklärt hatte, warum er wieder ausziehen sollte. Mit Sicherheit wusste er allerdings, dass er sich sehr gern mit ihr darüber unterhalten wollte.

Anja Zabel

Moin, Anja hier: Hamburgerin und gleichzeitig Mitglied des Magdeburger LiteraThiem, das damals bei meinem ersten Besuch noch LiteraTeens hieß, obwohl es schon seit einer ganzen Weile keine Teens mehr gab. Ich verbringe meine Tage damit, die Emophase für Ü30 zu etablieren, die Blätter am Walnussbaum im Garten zu zählen und meinen Katzen beim Schnurren zuzuhören, während nebenan in der Küche irgendwas anbrennt. Pflichten gegenüber verhalte ich mich stets bemüht und meine Omi findet, dass ich sehr, sehr fleißig und schlau bin. Ich bin völlig von Büchern besessen und lege dafür alle zwei Wochen für zehn Minuten mein Smartphone aus der Hand – manchmal sogar für fünfzehn. Des Weiteren halte ich Estragon im Essen für einen schweren Fehler (bitte weitersagen).