Leseprobe von Katharina Schaare

Kreatives Schreiben / Leseproben des LiteraThiem

Hier findet ihr Texte des LiteraThiem und eine Beschreibung der jeweiligen Autorin oder des jeweiligen Autors.

Vogelperspektive

von Katharina Schaare

Wir schreiben das Jahr 2018. Es herrscht große Trockenheit. Der Bach zwischen Rapsfeld und Maisfeld ist nahezu ausgetrocknet. Der Raps leuchtet gelb, aber ist klein. Zwischen den einzelnen Feldern verlaufen Streifen voller Grün und hie und da gibt es eine Baumansammlung.

Hier sitzt der Rotmilan auf einer Eiche und macht sich bereit für den Abflug. Sein rötlich-braunes Gefieder glänzt nach dem Putzen in der Sonne. Kaum eine Wolke zeigt sich am Himmel. Der Rotmilan begibt sich in die Lüfte. Seine Flügel sind halbmondförmig und seine breite Schwanzfeder ist auch vom Boden aus gut sichtbar.

Das Männchen mustert den Boden genau. Dort im Rapsfeld ist es unmöglich, etwas zu fressen zu finden. Aber vielleicht windet sich ein Wurm in der Nähe des Baches? Zügig fliegt er darüber hinweg und sieht nichts.

Laute, bunte Autos bewegen sich auf schwarzem Asphalt durch die umliegende Gegend und verschrecken Kleingetier. Rehe verstecken sich im Getreidefeld oder stehen auf Lichtungen. Der Rotmilan fliegt weiter. Staub gerät in sein Blickfeld. Dann taucht eine grün-weiße Erntemaschine unter ihm auf. Viel zu ernten gibt es nicht im Juni, aber das Getreide ist reif. Hinter ihm bleiben nur die Stoppeln und ein paar Halme, die die Maschine verliert. Hier wird doch wohl eine Maus zu fangen sein?

Der Milan umkreist die Maschine und blickt auf sie herab. Er sieht nicht, dass neben dem Feld Wege sind oder dass geradeaus ein Auto geparkt ist. Das Männchen kann nur nach unten sehen. Und da bewegt sich etwas im Abgeernteten! Der Rotmilan schießt nach unten und packt die Feldmaus mit den Krallen. Dann begibt er sich wieder nach oben.

Er nimmt den gleichen Weg zurück zum Waldstück. Feld um Feld lässt er hinter sich. Raps, Getreide, Kartoffeln, Wiese. Grün leuchtet ihm sein Zuhause schon von weitem entgegen. In der Mitte auf einem der Bäume auf einem Horst sitzt das Weibchen. Das Männchen landet und gibt den Jungen die Beute. Das Weibchen fliegt los, um Futter zu suchen. Das Männchen folgt ihm.

Im Getreidefeld drehen sich die drei Flügel des Windrades. Ihre Enden sind rot und gebogen. Der Wind treibt die Flügel ähnlich denen eines Flugzeugs, vorwärts. Der Wind hier oben ist stark und der Generator im Inneren erzeugt Spannung. Durch Trafos gelangt der Strom in die Haushalte des Dorfes ein paar Kilometer entfernt.

Neben dem Windrad drehen sich weitere Windkraftanlagen. Um sie herum gibt es Kartoffel-, Getreide- und Rapsfelder sowie einige Wiesen. Hie und da schlängelt sich eine Straße durch die Landschaft.

Auf einer dieser Straßen befindet sich Alwine auf dem Heimweg. Das Radio plärrt. Es ist schönes Wetter, der Himmel fast wolkenlos.

Alwine hat beide vorderen Seitenfenster geöffnet und der Wind lässt ihr die Haare in die Augen fliegen, weswegen sie einzelne schwarze Haare stetig zurückstreicht. Ihre Hände auf dem Lenkrad sind schon gut gebräunt. Sie trägt ein rotes T-Shirt und eine schwarze, kurze Jeans. Plötzlich beginnen die Nachrichten und ein Sprecher sagt: „Guten Tag, meine Damen und Herren. Es ist 16 Uhr. Es folgen die Regionalnachrichten.“ Alwine hört nicht mehr zu. Es werden nur Nachrichten von Orten geboten, für die sie sich nicht interessiert. Die Felder fliegen links und rechts an ihr vorbei. Das Getreide ist niedrig und bleibt hinter seinen Möglichkeiten. Die Kartoffeln blühen.

Jetzt hört sie den Namen des Bürgermeisters ihres Dorfes und schaltet lauter. „Nun, durch die Windkraftanlagen können alle 3600 Haushalte versorgt werden. Der Rest speist sich aus anderen Quellen, den uns ein Dienstleister zur Verfügung stellt. Dadurch sind wir als Gemeinde weitgehend unabhängig.“ Ein Journalist berichtet, wann die Windkraftanlagen gebaut worden und wie sie funktionieren. Zum Schluss nennt er die Kosten und der Bürgermeister schließt mit den Worten: „Über die Zuschüsse aus Mitteln des Landes haben wir uns sehr gefreut, denn so können wir nun umweltfreundlichen Strom produzieren.“ Neben Alwines Auto treten die Windräder zutage.

Alwine schaltet das Radio aus. Ihr Auto ruckelt eine wenig, als sie über die Brücke über den Bach fährt. Sie passiert ein Wäldchen und lenkt ihr Auto in Richtung Dorf, wobei das Ortsschild schon von weitem den Namen verkündet. Im Rückspiegel sieht sie die Windräder, die sich unermüdlich drehen.

Es ist später Nachmittag, als der Rotmilan erneut auf Futtersuche ist. Die Jungen schreien immer nach Futter und es scheint nie genug zu sein. Der Vogel fliegt in Richtung Getreidefeld, wo die Erntemaschine längst nicht mehr arbeitet. Aber alle Tiere, die sich dort normalerweise versteckt halten, sind nun aufgeschreckt und suchen Schutz. Jetzt hat die Stunde des Rotmilans geschlagen. Er schlägt mit seinen schwarz-weißen Flügeln, um schnell sein Ziel zu erreichen. Ein Feldhase springt zügig davon und ein paar andere Vögel fliegen umher. Seine Augen scannen sorgsam den Boden, Ackerfurche für Ackerfurche, Stoppel für Stoppel. Hat nicht irgendwo ein Maulwurf eine Höhle gebuddelt? Entflieht da nicht eine Blindschleiche? Huscht da nicht eine Maus davon? Suchend kreist das Männchen über dem Feld, fliegt größere und größere Kreise. Ein Getreidefeld kommt in Sicht und dort entwischt eine Maus ins Dickicht. Sofort setzt der Rotmilan ihr nach. Er behält sein Ziel fest im Auge und bereitet sich auf den Angriff vor. Der Rotmilan hört das Sch-Sch-Sch der Windräder. Der Rotmilan blickt nach unten zur Feldmaus und rot-weiß leuchtet etwas vor seinen Augen auf.

Die Farben rasen auf ihn zu und das Letzte, was er spürt, ist einen entsetzlichen Schmerz. Er weiß nicht, dass sein Genick gebrochen ist. Dann kommt er auf dem Feld auf, ein braunes Bündel, versteckt zwischen Ähren.

Alwine legt ihre Autoschlüssel in eine Schale auf der Fensterbank, in der sich auch Kaugummis und alte Kassenbons tummeln. Sie hängt die Jacke in die Garderobe und zieht die Schuhe aus. Dann geht sie in die Küche und schaltet den Wasserkocher ein.

Als Nächstes holt sie eine Tasse aus dem Schrank und hängt einen Teebeutel hinein. Im Radio läuft noch einmal das gleiche Interview vom Bürgermeister, das sie schon zuvor im Auto gehört hatte. Auch in der Zeitung, die seit dem Morgen unangetastet in der Küche lag, waren die Windkraftanlagen das Topthema auf der Regionalseite. Im Vergleich zum Radiointerview gibt es kaum Neues zu erfahren.

Im Artikel wird auch Kritik geübt und zwar dahingehend, dass ein weiteres Windrad besser gewesen wäre, um das ganze Dorf versorgen zu können.

Im Kommentar eines anderen Journalisten ein paar Seiten weiter steht, dass für die Windenergie zu viel Ackerflächen vernichtet würden, die für die Ernährung der Bevölkerung sehr wichtig seien. Außerdem kritisiert er die Veränderung der Landschaft und den Eingriff in die Natur.

Alwine blättert und liest: „Bahnradfahren. Vogel bei Unfall schwer verletzt.“

Wir schreiben das Jahr 2019. Alwine hört Radio in ihrer Küche und hält die Stromrechnung in der Hand. „Professor Engelhardt, Sie sind sehr erfreut über das Rotmilan-Pärchen mit Nachwuchs. Warum?“ „Rotmilane sind in Europa verbreitet, aber auch gefährdet. Seit 1990 nehmen die Paare durchgehend ab. In Deutschland haben sich die meisten Paare angesiedelt. Aus diesem Grund obliegt Deutschland eine gewisse Verantwortung. Dem wollen wir mit unseren Schutzprogrammen Rechnung tragen.“ „Wie sehen diese Schutzprogramme aus?“ „Während in früheren Jahren eine Sperrzone um die Horste eingerichtet wurde, ist es heutzutage nicht erlaubt, überhaupt Windkraftanlagen – auch in kilometerweiter Entfernung – zu betreiben. Aus diesem Grund mussten die vier Windräder außer Betrieb genommen werden.“ „Aber bedeutet das nicht, dass die Dorfbewohner dann mehr für den Strom zahlen müssen? Das Ziel war es ja gerade, relativ unabhängig zu sein!“ „Genau, die Windräder werden abgeschaltet. Rotmilane sind monogam und kehren zu ihrem Horst zurück. Daher werden die Windräder so lange ausgeschaltet bleiben, bis sie sich ein neues Horst anderswo gebaut haben.“ „Vielen Dank für dieses Interview, Herr Professor Engelhardt.“ „Gerne.“

Ein paar Wochen später. Der gleiche Journalist berichtet im Radio: „Das Rotmilan-Weibchen und die Jungen befinden sich auf dem Weg nach Süden. Das Männchen war nicht mehr auffindbar. Von Herrn Professor Engelhardt, einem Ornithologen, den wir schon öfter zu diesem Thema interviewt haben, haben, die Zugvögel Sender angelegt bekommen. So soll ihr Flug verfolgt werden. Allerdings werden Sie nun nach dem Winter nicht mehr in ihren Horst zurückkehren können. Vandalen haben den Baum, auf dem der Horst des Rotmilan-Pärchens war, mit einer Motorsäge abgeholzt. Was halten Sie davon, Herr Professor Engelhardt?“ „Das ist wirklich eine Schande! Rotmilane sind geschützt! Hier wird wegen monetärer Interessen versucht, in die Natur einzugreifen. Das ist nicht zu tolerieren!“ „So weit Herr Professor Engelhardt. Wie es nun mit der Windkraftanlage weitergeht und ob die Schuldigen ausfindig gemacht werden, werden die Untersuchungen und die Räteversammlung nächsten Mittwoch zeigen.“

Wir schreiben das Jahr 2024. Radio und Zeitung berichten fast ausschließlich von den Olympischen Sommerspielen in Paris. Besonders Bahnradfahrerin Vogel ist im Mittelpunkt des Interesses, die nach dem schweren Unfall 2018 wieder olympisches Gold holen will.

Auf der Regionalseite gibt es ein Interview eines Journalisten mit einem Vogelkundler, Herrn Professor Engelhardt zu lesen:

Herr Professor Engelhardt, Sie waren 2018 zugegen, als sich Rotmilane in der Nähe der Windkraftanlagen angesiedelt hatten. Dann verschwand das Männchen und der Horst wurde von Vandalen gefällt, gegen die eine Anzeige bei der Unteren Naturschutzbehörde und der Polizei einging. Der Täter wurde nicht gefasst und das Verfahren wurde eingestellt. Was tut sich nun?

Herr Professor Engelhardt: Inzwischen haben wir Geld vom Land erhalten. Zuerst wurden die Zentren mit besonders vielen Windkraftanlagen bedacht. Hier wurde eine Vogelabwehranlage errichtet. Diese registriert herannahende Vögel und sendet einen Ruf eines natürlichen Feindes dieser Vogelart aus. Der herannahende Vogel macht kehrt und entkommt der Gefahr, von einer Windkraftanlage verletzt zu werden.

Das klingt großartig! Warum gab es das nicht schon 2018? Hätte der Tod des Männchens verhindert werden können?

Geld. So eine Anlage ist sehr teuer. Und die Vögel können ja schließlich nicht dafür bezahlen, was? Natürlich hätten die Chancen für das Männchen sehr viel besser gestanden. Aber bis die Gelder hier auf dem Land ankommen…

Herr Professor Engelhardt, vielen Dank für das Gespräch.“

Alwine legt den Teil der Zeitung beiseite und nimmt wieder den Sportteil zur Hand. Die Sponsoren der Olympischen Spiele werden aufgeführt, durch die es ermöglicht wird, dass die Sportler überhaupt starten dürfen. In der Zeitung sind zwei Fotos zu sehen. Kristina Vogel auf dem Rad beim Rennen. Auf dem Trikot alle Sponsoren. Auf dem zweiten Foto sieht man sie auf dem Treppchen und sie strahlt mit dem Gold um die Wette. Ihr geht es nach dem Zusammenprall dank vieler Helfer wieder gut. „Vogel fliegt wieder“ steht als Überschrift über dem Artikel. „Wie schön“, denkt Alwine, „wenn man als Mensch von allen Seiten Hilfe bekommt“ und faltet die Zeitung zusammen. Auf dem Deckblatt sieht man einen Rotmilan, der sich der Abwehranlage nähert.

Autorin

Katharina Schaare, Magdeburg

geboren 1990, Kulturwissenschaftlerin, B.A., und Germanistin, M.A., mit Spezialisierung auf Literaturwissenschaft und Deutsch als Fremd-/Zweitsprache. Arbeitet als Deutsch als Zweitsprache-Lehrerin für Kinder und Erwachsene. Veröffentlichungen in Anthologien des Friedrich-Bödecker-Kreises. Schreibt Kurzgeschichten, Essays und Lyrik. Seit 2011 Mitglied der Schreibgruppe LiteraThiem in Magdeburg: Teilnahme an verschiedenen Schreibwerkstätten und Lesebühnen. Seit 2012: Organisation der Literaturveranstaltungen beim KulturAnker e.V. Oktober 2015: Präsentation als Nachwuchsautorin durch Karsten Steinmetz (als Kakadu(o), gemeinsame Auftritte seit 2014). Seit 2015: Mitglied der Schreibgruppe BU. Seit 2018: Auftritte auf dem Stand der Stadt Magdeburg auf der Leipziger Buchmesse. Seit 2019: Mitglied im Förderverein der Schriftsteller.